Die Frage, um die es tatsächlich geht
Die verbreitete Formulierung lautet, Kartenzahlung steigere den Umsatz. So gestellt ist die Frage kaum zu beantworten, weil sich ein Kaufabbruch, der nicht stattfindet, schlecht messen lässt. Beantwortbar ist eine andere Frage: Wie zahlen Kundinnen und Kunden im deutschen Einzelhandel tatsächlich, und was passiert mit einem Umsatz, für den der Betrieb den passenden Weg nicht anbietet?
Diese zweite Frage ist gut belegt, weil sie über Zahlungsstatistiken zugänglich ist. Der Einzelhandelsverband EHI erhebt die Umsatzanteile der Zahlungsarten jährlich, das girocard-System veröffentlicht seine Jahreszahlen. Beides steht in den nächsten Abschnitten, mit Jahr, Quelle und Bezugsgröße.
Der praktische Kern ist unspektakulär: Es geht selten darum, mehr zu verkaufen, sondern darum, keinen bereits entschiedenen Kauf an der Kasse zu verlieren. Das ist ein kleinerer, aber ein belegbarer Anspruch.
Zahlungsverhalten im deutschen Einzelhandel
Alle Werte mit Jahr und Bezugsgröße. Ohne Bezugsgröße sind solche Zahlen wertlos — der häufigste Fehler im Markt ist, Umsatzanteile und Transaktionsanteile in einer Reihe zu nennen.
| Kennzahl | Wert | Bezugsgröße, Jahr und Quelle |
|---|---|---|
| Kartenzahlung gesamt | 65,1 Prozent | Umsatzanteil im stationären Einzelhandel 2025, EHI-Studie 2026, vorgestellt am 05.05.2026 (wiedergegeben bei BANKINGCLUB, 07.05.2026) |
| davon girocard | 40,5 Prozent | Umsatzanteil 2025, EHI-Studie 2026 |
| davon internationale Debitkarten | 9,4 Prozent, plus 2,5 Prozent gegenüber Vorjahr | Umsatzanteil 2025, EHI-Studie 2026 |
| davon Kreditkarten | 8,2 Prozent | Umsatzanteil 2025, EHI-Studie 2026 |
| Bargeld | 32,3 Prozent | Umsatzanteil 2025 nach 33,8 Prozent im Vorjahr, EHI-Studie 2026 |
| Bargeld nach Anzahl der Vorgänge | 54,6 Prozent | Transaktionsanteil 2024 bei rund 20 Mrd. Vorgängen; fünf Jahre zuvor lag er bei 72,9 Prozent. EHI-Studie 2025 |
| girocard-Transaktionen | 8,3 Mrd., plus 4,8 Prozent | Jahr 2025, girocard-Jahreszahlen 2025 (Pressemitteilung 11.02.2026) |
| girocard-Umsatz | rund 308 Mrd. Euro | Jahr 2025 nach 307 Mrd. Euro im Vorjahr, girocard-Jahreszahlen 2025 |
| Aktive Terminals | bis zu 1.344.000, plus 11,3 Prozent | Jahr 2025 nach 1.208.000 im Vorjahr, girocard-Jahreszahlen 2025 |
| Kontaktlos im girocard-System | 88,5 Prozent | Anteil an den girocard-Zahlungen im Dezember 2025 nach 86,8 Prozent im Vorjahr, girocard-Jahreszahlen 2025 |
| Durchschnittlicher girocard-Bon | 37,25 Euro | Jahr 2025 nach 38,85 Euro im Vorjahr, girocard-Jahreszahlen 2025 |
Alle Angaben Stand 01.08.2026. Die EHI-Vollstudien sind kostenpflichtig; die hier genannten Werte stammen aus der öffentlichen Berichterstattung über die Studien und aus den Pressemitteilungen des girocard-Systems.
Zwei Erhebungen, zwei Bezugsgrößen — bitte nicht vermischen
In der Tabelle stehen zwei Studienjahrgänge nebeneinander, und das hat einen Grund: Sie messen unterschiedliche Dinge. Die Umsatzanteile stammen aus der Erhebung zum Jahr 2025, der Transaktionsanteil des Bargelds aus der Erhebung zum Jahr 2024, weil nur dort nach Anzahl der Vorgänge ausgewiesen wurde.
Genau dieser Unterschied wird im Markt regelmäßig verwischt. Nach Umsatz ist Bargeld längst in der Minderheit; nach Anzahl der Vorgänge war es 2024 noch die häufigste Zahlungsart. Beides ist richtig, und beides bedeutet für Ihre Kasse etwas anderes: Der Umsatzanteil sagt, wie viel Geld über Karte läuft, der Transaktionsanteil, wie oft Ihr Personal Bargeld anfassen muss.
Dasselbe gilt beim Bezahlen per Smartphone. Für 2024 wurde ein Anteil von 5,7 Prozent an allen Transaktionen ausgewiesen, für 2025 ein Anteil von 19,3 Prozent an den bargeldlosen Zahlungen. Die beiden Zahlen sind kein Sprung, sondern zwei verschiedene Nenner. Wer sie als Wachstum nebeneinanderstellt, rechnet falsch — auch wenn das Wachstum in der Sache unbestritten ist.
Vier Mechanismen, die tatsächlich auf den Umsatz wirken
Keiner davon ist ein Versprechen auf Mehrumsatz. Es sind die Stellen, an denen Umsatz konkret verloren geht, wenn der passende Zahlungsweg fehlt.
- 01Der Kauf, der an der Kasse scheitert
- Bei einem Umsatzanteil der Kartenzahlung von 65,1 Prozent ist die Karte im stationären Einzelhandel der Normalfall und nicht die Ausnahme. Wer sie nicht oder nur eingeschränkt annimmt, verlagert das Problem auf den Kunden: Der muss zum Geldautomaten oder er lässt es. Der Verlust ist genau deshalb schwer zu messen, weil er als Nichtkauf auftritt.
- 02Geschwindigkeit in der Spitzenzeit
- Kontaktloses Bezahlen macht im girocard-System 88,5 Prozent der Zahlungen aus (Dezember 2025). In Betrieben mit Stoßzeiten — Mittagsgeschäft, Marktstand, Ticketverkauf — ist die Dauer eines Bezahlvorgangs eine Kapazitätsfrage. Was hier zählt, ist nicht der Kartenanteil, sondern wie viele Kunden pro Stunde abgewickelt werden.
- 03Kundschaft mit ausländischen Karten
- Die internationalen Debitkarten haben 2025 um 2,5 Prozent zugelegt und liegen bei 9,4 Prozent Umsatzanteil. Für Betriebe mit Reise- oder Laufkundschaft ist die Frage nicht, ob diese Karten angenommen werden, sondern zu welchem Satz — sie sind teurer als die girocard. Das ist ein Kostenthema und gehört auf die Kostenseite, nicht in eine Umsatzrechnung.
- 04Zusätzliche Wege außerhalb des Ladens
- Ein Zahlungslink per Nachricht oder QR-Code, ein virtuelles Terminal für telefonische Bestellungen oder ein Onlineshop erschließen Umsatz, der am Tresen gar nicht entsteht. Das ist der einzige Mechanismus auf dieser Liste, bei dem tatsächlich zusätzlicher Umsatz möglich ist statt nur vermiedener Verlust.
Der Bremsklotz, den Betriebe selbst einbauen
Der häufigste selbst verursachte Umsatzverlust ist der Mindestbetrag für Kartenzahlung. Die Absicht dahinter ist nachvollziehbar: Bei einem festen Entgelt je Zahlung ist der kleine Bon der teuerste. Die Wirkung ist aber, dass genau der Kunde abgewiesen wird, der schon entschieden hatte zu kaufen.
Rechnen Sie es einmal gegen: Bei einem festen Entgelt von 9 Cent kostet ein Bon von 5 Euro effektiv 1,80 Prozent, also rund neun Cent plus Disagio. Die Frage ist damit, ob Ihnen der Deckungsbeitrag dieses Verkaufs mehr wert ist als die paar Cent. In den meisten Fällen ist er das deutlich — und wenn nicht, ist nicht der Mindestbetrag die Lösung, sondern ein anderes Preismodell.
Rechtlich ist ein Mindestbetrag zulässig, und es gibt dazu eine eigene Seite mit den Details. Als betriebswirtschaftliche Maßnahme ist er in aller Regel die teuerste Antwort auf ein Problem, das im Vertrag gelöst gehört.
Wo zusätzlicher Umsatz technisch entsteht
Vier Wege, die keinen zweiten Vertrag brauchen, sondern eine Freischaltung oder eine Anbindung.
Kontaktlos ohne PIN: die Grenzen in Deutschland
Kontaktlos zahlen Kunden in Deutschland bis 50 Euro je Vorgang ohne PIN. Spätestens nach kumuliert 150 Euro oder nach fünf aufeinanderfolgenden Vorgängen ist wieder eine PIN-Eingabe fällig. Beide Bedingungen stehen im Oder-Verhältnis: Es genügt, dass eine der beiden Schwellen erreicht ist.
Wichtig für Ihr Kassenpersonal: Der Zähler läuft in der Karte beziehungsweise im Wallet, nicht im Terminal. Derselbe Kunde kann deshalb an derselben Kasse einmal ohne und beim nächsten Mal mit PIN zahlen. Das ist kein Gerätefehler und kein Zeichen für eine Störung, sondern die Umsetzung von Artikel 11 der Delegierten Verordnung (EU) 2018/389.
Für Österreich gilt eine andere kumulierte Grenze. Wer für beide Märkte plant, darf die deutschen Werte nicht übertragen — die österreichische Fassung dieser Angabe steht auf den österreichischen Seiten.
Was sich nicht belegen lässt
Die Behauptung, Menschen gäben mit Karte grundsätzlich mehr aus als mit Bargeld, ist im Handel verbreitet. Wir führen sie hier nicht als Argument, weil wir dafür keine belastbare, nachprüfbare Quelle haben. Bemerkenswert ist eher die Gegenbewegung in den vorliegenden Zahlen: Der durchschnittliche girocard-Bon ist 2025 auf 37,25 Euro gesunken, nach 38,85 Euro im Vorjahr. Kartenzahlung wandert in kleinere Beträge — das spricht für Verbreitung, nicht für höhere Einkäufe.
Ebenso wenig behaupten wir eine bezifferbare Umsatzsteigerung durch einen Anbieterwechsel oder ein bestimmtes Gerät. In unserer Marktrecherche wirbt ein Anbieter mit Umsatzsteigerung, Kostensenkung, mehr Sicherheit und besserem Service nebeneinander, ohne zu einem dieser vier Punkte eine Zahl zu nennen. Solche Aussagen kosten nichts und sagen nichts.
Was wir sagen: Die Zahlungsgewohnheiten haben sich verschoben, sie sind erhoben und nachlesbar, und ein Betrieb, der einen der gängigen Wege nicht anbietet, trägt das Risiko dieses Nichtkaufs allein. Alles Weitere hängt an Ihrem Sortiment, Ihrer Lage und Ihrer Kundschaft — und nicht am Terminal.
Häufige Fragen zu Umsatz und Kartenzahlung
Lohnt sich Kartenzahlung bei kleinen Beträgen überhaupt?
Das ist eine Frage des Preismodells, nicht der Kartenzahlung. Bei einem festen Entgelt je Zahlung ist der kleine Bon anteilig teuer — 9 Cent auf 5 Euro sind effektiv 1,80 Prozent. Ein Modell ohne oder mit niedrigem Festbetrag dreht das Bild. Betriebe mit vielen kleinen Bons sollten genau danach auswählen, statt kleine Beträge von der Karte auszuschließen.
Muss ich Apple Pay oder Google Pay gesondert freischalten?
Nein. Beide sind keine eigenen Zahlungsarten, sondern eine tokenisierte Form der hinterlegten Karte. Am Terminal kommt eine kontaktlose Zahlung der jeweiligen Kartenmarke an, und es gelten die Konditionen dieser Marke. Zusätzliche Wallet-Gebühren entstehen dem Händler dadurch nicht — viele glauben das Gegenteil.
Bringt eine zusätzliche Zahlungsart automatisch mehr Umsatz?
Nein. Sie beseitigt eine mögliche Hürde, mehr nicht. Sinnvoll ist die Frage, ob Ihre Kundschaft diesen Weg tatsächlich erwartet: Reise- und Laufkundschaft bringt internationale Karten mit, jüngere Kundschaft zahlt häufiger mit dem Smartphone. Manche Zahlungsarten brauchen zudem eine gesonderte Freischaltung und haben eine eigene Kostenlogik.
Ist Bargeld inzwischen unwichtig?
Nein, und diese Zuspitzung wäre nach den Zahlen falsch. Bargeld hatte 2025 noch einen Umsatzanteil von 32,3 Prozent und lag 2024 nach Anzahl der Vorgänge mit 54,6 Prozent vorn. Es geht nicht um Ablösung, sondern darum, beide Wege anzubieten und die Kosten beider zu kennen.
Warum nennen Sie keine Prozentzahl für den Mehrumsatz?
Weil wir keine hätten, die einer Prüfung standhält. Eine erfundene oder aus einem Werbetext übernommene Zahl wäre in dem Moment wertlos, in dem jemand nach der Quelle fragt. Auf dieser Seite steht deshalb jede Zahl mit Jahr, Bezugsgröße und Herkunft — und wo es keine gibt, steht das ausdrücklich dabei.